Interview Nicole Gerhardt:„Wir haben die Präsenzpflicht abgeschafft“

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Credits: Telefónica Deutschland
Nicole Gerhardt
Die Covid-19-Pandemie wird nachhaltig Spuren in der Arbeitswelt hinterlassen. In einem Interview mit der Newsseite Business Insider spricht Personalvorständin Nicole Gerhardt darüber, wie Telefónica sich die neue Normalität einer zunehmend digitalen Arbeitsorganisation vorstellt. Wir veröffentlichen an dieser Stelle Auszüge des Gesprächs. Das vollständige Interview mit Business Insider erschien am 31. August 2020.
Frau Gerhardt, sind Sie gerade im Home Office? Nicole Gerhardt: Ja, das bin ich. Ich bin seit Mitte März fast die gesamte Zeit im Home Office gewesen und war höchstens ein Dutzend Mal im Büro. Ich genieße das sehr, da ich zu Hause konzentriert arbeite und morgens nicht ins Büro pendeln muss. Bei mir funktioniert das Arbeiten im Home Office hervorragend. Ich merke aber auch, dass mir die soziale Interaktion mit den Kolleginnen und Kollegen fehlt. Deshalb habe ich mich nun entschieden, in Zukunft einmal pro Woche im Büro zu sein - für persönliche Gespräche und Meetings. Aber den Großteil werde ich versuchen weiter im Home Office zu verbringen. Ich arbeite hier einfach sehr effizient und bin gleichzeitig flexibel. Wie ist Telefónica / O2 mit dem Beginn der Coronakrise und den dadurch verbundenen Veränderungen umgegangen? Nicole Gerhardt: Wie alle Unternehmen mussten auch wir unsere Arbeit kurzfristig umstellen. Wir haben schon sehr früh das Gros unserer rund 8.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Hause ins Home Office geschickt. Das hat es uns – wenn auch durch die Umstände erzwungen – ermöglicht, neue Dinge auszuprobieren. Natürlich mussten wir zuerst Klarheit schaffen, wie es jetzt eigentlich weitergeht. Wir haben zum Beispiel den Eltern unter unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unmittelbar zweieinhalb Wochen Zeit gegeben, sich zu organisieren. Wie auch viele andere, waren wir gezwungen, konsequenter und über das komplette Unternehmen hinweg auf eine digitale Arbeitsweise umzusteigen. Nach Einführung der Sofortmaßnahmen haben wir uns direkt damit auseinandergesetzt, was gut funktioniert und was eher nicht. Dabei haben wir auch stetig das Feedback unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingeholt und sie gefragt, wie sie die Maßnahmen bewerten. Dafür haben wir unter anderem eine umfangreiche Befragung durchgeführt – mit sehr positiver Resonanz. Mehr als 90 Prozent unserer Mitarbeiter haben uns zurückgemeldet, dass sie unseren Umgang mit der Krise herausragend fanden. Das war für uns natürlich Ansporn, den Blick weiter nach vorn zu richten und den Schwung in die Zukunft mitzunehmen. Sie haben angekündigt, bei Telefónica Deutschland / O2 einen Schritt in die digitale Arbeitswelt von morgen zu gehen. Was heißt das genau? Nicole Gerhardt: Wir haben die während der Krise erprobten Konzepte und Arbeitsweisen genau analysiert und ausgewertet und uns entschieden, fünf Schlüsselinitiativen für unsere künftige Zusammenarbeit auf den Weg zu bringen. „Working anytime“ ermöglicht es unseren Mitarbeitern, im Wesentlichen frei zu entscheiden, wann zwischen 6 und 23 Uhr sie arbeiten wollen. So können sie beispielsweise beim Homeschooling ihrer Kinder helfen oder die Kinder in Ruhe zur Schule oder Kita bringen und von dort abholen. Dafür können sie dann flexibel abends noch eine Stunde arbeiten. Die Funktionszeiten konzentrieren sich idealerweise zwischen 10 und 16 Uhr, um eine optimale Abstimmung im Team mit Meetings, Telefonaten und Konferenzen zu ermöglichen. Außerdem hat die Krise gezeigt, dass Arbeitsergebnisse nicht von der Präsenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abhängen. Daher wollen wir als zweiten Punkt auch in Zukunft „working anywhere“ ermöglichen. Jeder kann an verschiedenen Orten unterschiedlich gut arbeiten. Wir stellen es unseren Mitarbeitern weitgehend frei, selbst zu entscheiden, von wo aus sie am effektivsten arbeiten können – das kann im Büro, dem Home Office oder auch einem anderen Ort sein. Das muss dann gut koordiniert werden, oder? Nicole Gerhardt: Ja. Um diese beiden Konzepte erfolgreich zu etablieren, haben wir zwei wesentliche Aspekte identifiziert, die bei der Umsetzung wichtig sind. Die Führungskräfte im Unternehmen werden in Zukunft transparenter planen und kommunizieren, wann sie welche Arbeitsergebnisse erwarten und im Nachgang natürlich überprüfen, ob diese erreicht wurden. Wir setzen dabei auf „outcome-based Leadership”, also eine ergebnisorientierte Führung. Hierfür wird es bereits ab September Schulungen für unsere Führungskräfte geben. Denn die Zusammenarbeit wird sich stark ändern und viel digitaler werden. Womit wir bei dem vierten Punkt sind: „digital by default“. Bei Telefónica wird es Standard werden, dass wir digital miteinander arbeiten. Nur in Ausnahmefällen sollte es auch persönliche Zusammenkünfte geben, zum Beispiel etwa bei kreativen Workshops oder Teambuildingmaßnahmen. Ein weiteres Beispiel hierfür ist das Onboarding neuer Mitarbeiter: Wir wissen, dass es wichtig ist, dass ein neues Team-Mitglied seine Kolleginnen und Kollegen nicht ausschließlich virtuell kennenlernt. In der ersten Hochphase der Coronakrise herrschte ein kompletter Reisestopp. Fliegen für Dienstreisen zwischen den bundesweit verteilten Unternehmensstandorten war bei uns bislang sehr wichtig. Das ist jedoch weder ökologisch noch ökonomisch erstrebenswert. Und wir haben in den vergangenen Monaten gezeigt, dass es auch weitgehend digital funktioniert. Daher nehmen wir uns als fünften Punkt eine Reduzierung der Dienstreisen um 70% vor. Damit könnten wir gut 600 Tonnen weniger CO2 im Jahr emittieren. Twitter, Google, Facebook – diese Firmen haben alle angekündigt, dass die Mitarbeitenden remote arbeiten. Trivago-Chef Axel Hefer hat sich aber beispielsweise dagegen ausgesprochen: Obwohl Remote Work in den meisten Situationen gut funktioniere, würden Meetings, in denen wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen, immer noch am besten live funktionieren. Wo stehen Sie? Nicole Gerhardt: Wir haben in den vergangenen Monaten große Projekte abgeschlossen – ausschließlich digital. Beispielsweise haben wir unsere Hauptversammlung virtuell organisiert oder die temporäre Senkung der Mehrwertsteuer – ein äußerst komplexes Projekt – in nur vier Wochen rein digital gestemmt. Es gibt aber auch weiterhin Situationen, in denen persönliche Treffen unabdingbar sind – bei manchen Mitarbeitergesprächen beispielsweise. Jeder hat unterschiedliche Bedürfnisse und jeder im Übrigen auch ein anderes Lebensmodell. Deshalb geben wir unseren Mitarbeitern und Teams viel Entscheidungsspielraum, wann sie persönliche Präsenz bevorzugen. In meinem Team machen wir es beispielsweise so, dass wir uns alle zwei Monate gleich für zwei bis drei Tage persönlich treffen und gemeinsam Themen jenseits der täglichen Routine konzentriert bearbeiten. Ansonsten arbeiten wir weitgehend virtuell miteinander. Aber natürlich geht das nicht in jeder Funktion. In unseren Shops zum Beispiel ist der persönliche Kontakt mit unseren Kunden natürlich weiterhin wichtig. […]
Credits: Telefónica Deutschland
O2 Tower München
Welche Bedenken hatten Sie und haben Sie noch? Nicole Gerhardt: Eine große Herausforderung wird sein, dass Mitarbeiter und Führungskräfte die Arbeit konkret über die Zeit gemeinsam planen. Welche Ergebnisse werden in welchem Zeitraum erwartet? Werden diese Ergebnisse auch geliefert? Die Zusammenarbeit muss ganz anders organisiert werden. Auch für unsere Mitarbeiter stehen wichtige Entscheidungen an. Manche werden vielleicht ihr Lebensmodell verändern: Sie können aus der Stadt aufs Land ziehen, Mütter können wieder Vollzeit und nicht Teilzeit in den Beruf einsteigen, die Betreuung von Kindern kann anders organisiert werden. Wir wollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei begleiten und Trainings und Coachings anbieten. Es wird etwas Zeit brauchen, bis wir gemeinsam herausgefunden haben, was gut klappt, und was nicht. Zu guter Letzt machen wir uns Gedanken, wie wir den gemeinsamen Telefónica Spirit bei vermehrtem Remote Work aufrechterhalten können. Als Menschen brauchen wir die unmittelbare soziale Interaktion. Das ist absolut wichtig und auch der Grund, warum wir nicht in reine Home-Office-Lösungen gehen, sondern ein Hybridmodell verfolgen. […] Wie, glauben Sie, könnte die Arbeitswelt in zwei Jahren aussehen? Ich hoffe, dass die Mitarbeiter weiterhin so engagiert arbeiten – trotz der Krisenlage hatten wir eine weitgehend stabile Geschäftsentwicklung, was uns von den allermeisten Industrien hierzulande unterscheidet. Wir werden gelernt haben, mit der neuen Situation umzugehen und können dies tatsächlich wertschätzen. Außerdem setze ich auf die gewonnene Autonomie und Flexibilität. Wir werden bewusster mit der Arbeitszeit umgehen, fokussierter auf Ergebnisse arbeiten und so die Produktivität steigern. Und nicht zuletzt erhoffe ich mir, dass wir zum Thema Nachhaltigkeit und Klima einen positiven Beitrag leisten. Mittlerweile gehört für Millionen von Arbeitnehmern das Pendeln zum Alltag und auch die Länge der Arbeitswege steigt im Schnitt an. Die Folge sind viele Staus, psychischer Stress und eine erhöhte Umweltbelastung. Ich hoffe, dass sich mehr Unternehmen dazu entschieden, einen ähnlichen Weg wie wir zu gehen, sodass sich die Arbeitswelt zum Nutzen aller und für das Klima positiv verändern wird. Wenn wir mit unseren Initiativen einen Beitrag dazu leisten könnten, dann macht mich das sehr stolz.

Autor: Guido Heitmann

Leiter Corporate Communications Telefónica Deutschland | Guido Heitmann ist seit Oktober 2014 Head of Corporate Communications der Telefónica Deutschland. Zuvor seit 2001 Teil des Kommunikationsteams der E-Plus Gruppe und als Abteilungsleiter und Chef vom Dienst mit seinem Team verantwortlich für die Corporate-PR-Arbeit sowie die Interne Kommunikation. Geboren in Buxtehude, Diplom-Kaufmann, und schon immer als Kommunikator tätig, zuvor unter anderem bei Hapag-Lloyd AG in Hamburg. Als Pressesprecher Ansprechpartner unter anderem für Themen wie Finanzberichterstattung, M&A, Regulierung, Business & Technology Strategy sowie Personal- und Organisationsthemen. Twitter: @gu_heitmann

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Beiträge von Nicole Gerhardt

Personalvorständin Nicole Gerhardt berichtet im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, warum Telefónica Deutschland auch in Zukunft auf Flexibilität und Homeoffice setzt. Persönliche Einblicke zu den geplanten Veränderungen gibt Personalvorständin Nicole Gerhardt in ihrem Gastbeitrag auf XING.